"All die Bücher werden einmal dir gehören, wenn ich tot bin, hatte mein Vater gesagt, sooft ich mir einen Band ausleihen kam. Das also sollte mein Erbe sein." Walter Mehring hat dieses Erbe aus der Erinnerung gesichtet. Sein Buch über die (auf der Flucht vor dem NS-Regime) verlorene Bibliothek ist die geistreich-bissige Auseinandersetzung mit den Dichtern und Denkern des 19. und frühen 20. Jahrhunderts, eine kritische Lebensgeschichte der Literatur.
"Es lag mir nicht so sehr an den Büchern im einzelnen", schreibt Walter Mehring über die Entstehung dieser Autobiographie einer Kultur, "als vielmehr an jener historisch, ästhetisch, philosophisch einmaligen Konfiguration, wie sie sich in der Bibliothek meines Vaters, in seinem speziellen Horoskop des XIX. Jahrhunderts eingestellt hatte. Es wurde eine Konfrontation mit den Büchern und Autoren und ihren Schicksalen den fata meiner Generation -, doch ausschließlich mit denen, die im Augenblick der Niederschrift mir wahrhaftig, erinnerungsgetreu dazu einfielen. Dies bildete das einzige Kriterium."
Buchbeginn
Gewohnt habe ich zum letzten Male wohl in Wien, bevor es stürzte. Denn dort hatte ich noch alle Bücher um mich, aus meines Vaters Bibliothek, und konnte mich zu Hause fühlen. Wie oft seitdem das Landschaftsbild im Fensterrahmen gewechselt hat - und ein paar Mal war es vergittert -, vermag ich mir nicht mehr zu vergegenwärtigen. In Wien stand noch mein Büchererbe vor seinem Fall - ins Exil gerettet dank der Komplizität der Berliner Tschechoslowakischen Gesandtschaft, dank der Kollegialität ihres Attachés, des Lyrikers Camill Hoffmann (aus der Prager Dichterrunde der Werfel, Meyrink, Kafka, Capek, die alle etwas kabbalistisch angehaucht waren), - ihn aber hat man später in einem Brandofen vernichtet.

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